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Wo gehöre ich hin?

Kinder in Patchworkfamilien

von Sigrid Winter

Was ist eine Patchworkfamilie?

Eine Patchworkfamilie setzt sich aus einem leiblichen Elterteil und seinen Kindern mit einem neuen Partner und seinen Kindern, und oft gemeinsamen Kindern zusammen. Es gibt die verschiedensten Konstellationen und Zweit- und Dritt-Familien.
Der natürliche Sinn und Zweck von Familien ist es, das Leben und Zusammenleben von Familienmitgliedern zu gestalten und den Nachwuchs aufzuziehen und zur Selbständigkeit zu begleiten. - Patchworkfamilien entstehen zunächst durch das Interesse am neuen Partner, bringen aber durch Kinder, auch außereheliche, aus den früheren Beziehungen Verantwortung und Bindungen mit, neben denen sie dieselben Ziele und eine glücklichere Gestaltung in der neuen Familie erreichen wollen. Dazu brauchen sie erhöhte Flexibilität, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, Kooperation und Fairness.

Patchworkfamilien hat es schon immer gegeben: man kennt sie schon aus den Volksmärchen. Trennung, Scheidung, Verlust durch Tod führt häufig zur Neugründung einer Patchworkfamilie. So finden sich in generationsübergreifenden Biografien und den Genogrammen von Familien sehr häufig Patchworkkonstellationen, die oft auch tabuisiert als Familiengeheimnisse weitergetragen sind und erst spät erkannt und besprochen oder integriert werden.
Diese Trennungssituationen und die nötige Neuorientierung sind ein wesentlicher, tiefer Einschnitt im Leben von Kindern und Jugendlichen. Für die Kinder stellt sich dann die Frage: Wo gehöre ich hin?

Welchen Problemen ist ein Kind z.B. durch die Trennung der Eltern ausgesetzt:

  • Schock durch den Verlust bisheriger wichtiger Bezugspersonen
  • Langjährige – oft zermürbende Auseinandersetzungen der Eltern im Vorfeld der Trennung
  • Projektionen der Eltern ertragen müssen, Schuldgefühle
  • Gefahr, Partnerersatz zu werden, Parentifizierung
  • Gefährdung des Selbstvertrauens
  • Häufig materielle Einschränkungen
  • Veränderungen der räumlichen Umgebung, Wohnung, Schule...., Freunde...., Freizeitgestaltung
  • Veränderung in der Beziehung zu den leiblichen Verwandten, Verwandte des neuen Partners können dazukommen
  • Die Neuorientierung der Großfamilie miterleben müssen
  • Veränderung im Lebensrhythmus, Alltagsgewohnheiten, Eßgewohnheiten, Schlafgewohnheiten, Feste, Feiern, persönliche und familiäre Rituale neu gestalten
  • Gewöhnung an den neuen Partner und eventuelle Kinder, die entweder mitwohnen oder an den Besuchswochenenden oder Ferien hinzukommen. Neue Geschwisterrollen
  • Veränderung in der Geschwisterposition z. B aus einen Einzelkind wird plötzlich ein mittleres Kind, das mit den hinzukommenden Stiefgeschwistern wohnen soll...
  • Jüngere Halbgeschwister aus der neuen gemeinsamen Beziehung können hinzukommen, die vorhandenen Geschwister haben neue Probleme
  • Konkurrenz der Stieffamilie erleben, Loyalitätskonflikte verarbeiten lernen.
  • Die Trauer um die frühere gemeinsame Zeit und um die Aufmerksamkeit des fehlenden Elternteiles
  • Die Mutter oder der Vater verbringt viel Zeit mit dem neuen Partner

  • Beratung und Hilfen für die Kinder - oder die Erwachsenen! - werden oft erst dann angenommen, wenn Symptome bei den Kindern oder Jugendlichen auftreten und wenn insbesondere das Kind / der Jugendliche entweder in seinem Verhalten oder mit gesundheitlichen Symptomen auffällig wird.

    Welche Symptome können in dieser krisenhaften Situation auftreten?

    Verhaltensauffälligkeiten, z.B. Einnässen, Einkoten, Rückzug, Aggressivität, Überaktivität, Sprechverweigerung, körperliche und seelische Entwicklungsverzögerungen, depressive Verstimmungen, Essprobleme, Schulschwierigkeiten, kriminelle Handlungen, Weglaufen, Aufsuchen sozialer Randgruppen, Suchtprobleme, psychosomatische Reaktionen bis hin zu körperlichen Erkrankungen u.a.
    Bei allen Symptomen im Kindes- und Jugendalter muss daher bei der Behandlung immer die familiäre Gesamtsituation mit berücksichtigt werden.
    Die Neuorientierung nach Trennungen dauert sehr lange, deshalb ist der Zeitfaktor sehr wichtig. Es kann bis zu 5 Jahren dauern, bis sich eine Neuorientierung etabliert hat und eine neu gegründete Patchworkfamilie wieder so organisiert hat, dass alle damit gut leben können. Eine hilfreiche Begleitung des Kindes und der Familie kann deshalb sehr wesentlich für die Lebensgestaltung und die Zukunft sein.

    Welche beraterische Hilfe könnten Kinder und Eltern in dieser krisenhaften Situation brauchen?

    Wer ruft an, wer beschreibt das Problem oder die Krise? Die Hilfestellung beginnt oft schon durch die Besprechung des Settings, in dem die Beratung stattfinden soll, im Erstkontakt am Telefon vor der eigentlichen ersten Sitzung, weil dabei die Positionierung der einzelnen Familienmitglieder zur Sprache kommt und das schon eine Intervention sein kann.
    Wichtig für die Beratung ist eine genaue Abklärung des Auftrages: Was sollte bei der Beratung oder Therapie erreicht werden?
    Oft können nur die nächsten Schritte bearbeitet werden und sich das neue System so allmählich etablieren. Hilfreich ist es auch verschiedene Settings anzubieten und die leiblichen Eltern der Kinder auch zusammen einzuladen. Manchmal ist es gut mit einzelnen Kindern allein zu arbeiten oder andere Begleitungen (Psychotherapie für die Kinder und Eltern, Spieltherapie, Rainbow-Gruppen, Selbsthilfegruppen) einzubeziehen.
    Es ist wichtig, die Situation aus der Sicht des Kindes / Jugendlichen zu betrachten und manche Themen respektvoll anzusprechen, die sonst unausgesprochen bleiben würden. Es ist gut wenn die Eltern / ein Elternteil die Kinder informieren und in einer kindgerechten Form die Situation ehrlich erklären können. Kinder sollten den Grund für eine Trennung wissen, da sie sonst Schuldgefühle und Fantasien entwickeln, die sich auf das Selbstwertgefühl des Kindes auswirken.

    Welche Interventionen eignen sich für die Arbeit mit Eltern und Kindern:

    Annehmende, offene und wertschätzende allparteiliche Haltung, die die Besprechung aller anstehenden Themen, Ängste und Konflikte ermöglicht. - Sie kann auch Modell für die Gespräche zu Hause werden.
    Setting genau überlegen, Auftragsklärung vorab und auch in der jeweiligen Sitzung, da die Komplexität in den Themen so groß ist, Komplexität reduzieren: Was ist heute Ihre Frage? Was sollte am Ende der Sitzung besprochen, erreicht sein?
    Systemische Gesprächsführung, zirkuläres Fragen, Ausnahmen erfragen, Wunderfrage stellen und durchdenken, das gesamte System mitberücksichtigen.
    Zeitfaktor einbringen, Zeit geben.
    Normalisieren, d.h. es ist normal wenn bei einer solchen Situation Schwierigkeiten auftreten.
    Aufgaben geben, z. B. „beobachten Sie was alles gut läuft ohne dass Sie etwas Spezielles tun müssen!“, oder „Welche speziellen Fähigkeiten bringt mein neuer Ziehsohn in die Familie ein, die bisher bei uns noch nicht vorhanden waren?“
    Geschichten erzählen, Beispiele wie andere Familien das lösen, neue Modelle, Regeln entwickeln helfen, Konfliktgespräche erlernen, die Geschwistersituation reflektieren.
    Aufstellung mit Gegenständen oder der Familie zum Thema „Wie war es früher, wie ist es jetzt bei uns? Wie soll es sein wenn es uns allen gut geht?“
    Mit den Kindern mit Zeichnungen, Gegenständen, Stofftieren,... ausdrücken lassen was sie fühlen. Kindertherapeutische Elemente wie: Spielen, ausagieren lassen, Puppenspiel.
    Einander sagen was jeder am anderen schätzt, was er sich vom anderen wünscht, jeden zu Wort kommen lassen.
    Zeitlinienarbeit, z.B.: welche Farbe hatte welche Phase in der Kernfamilie und wie ist es jetzt? Mit Symbolen darstellen wie die Zeitlinie sich entwickelt hat.
    Moment of Excellence für einen guten inneren Zustand finden
    Zielarbeiten – wo wollen wir als Familie hin, wo will jeder einzelne hin – wo glaube ich dass die anderen - auch Expartner - ihre Ziele haben werden.
    Hierarchie klären, Verwandtschaften im Genogramm darstellen, sodass das Kind sich auskennt!
    Frühere Trennungserlebnisse ansprechen und verarbeiten helfen.
    Verschiedene Settings, ermöglichen und dann wieder zusammenführen.
    Helferkonferenzen ermöglichen, mit Lehrern, Sozialarbeitern...

    Die Arbeit mit Kindern nach Trennung oder Scheidung ist eine starke Herausforderung für die Helfer, die Komplexität der Themen ist sehr hoch und es braucht Zuversicht, Kompetenz, Geduld und Kreativität. Die Professionalität ist sehr stark gefordert, deshalb sollten die Helfer ihre eigenen Gefühle und ihre Geschichte reflektieren und immer wieder Supervision oder Intervision nehmen.

    Wie kann eine Patchworkfamilie gelingen?

    Die Trennung und die neue Partnerschaft steht für die Kinder nicht zur Disposition. Das klarzustellen erscheint mir für die Kinder sehr wichtig, weil sie dadurch mit der Realität konfrontiert werden und auch Verantwortung abgeben können. Natürlich müssen sie damit auch die heimliche Hoffnung und Sehnsucht aufgeben, ihre leiblichen Eltern könnten doch noch einmal zusammenkommen. Wichtig erscheint mir dem Kind zu zeigen dass das Paar sich zwar als Liebespaar getrennt hat, aber dass Eltern sich von ihren Kindern nicht trennen können. Dass es also weiterhin zu seinem Vater und zu seiner Mutter gehört und auch zu seinen Geschwistern und sich allerdings der Alltag verändern wird. Das ist für Kinder ein großer Einschnitt, der geduldig begleitet werden muss. Wichtig ist ein kommunikativer Austausch und die Versicherung, dass die Kinder als eigenständige Wesen ihre eigenen Beziehungen, Freunde, Kontakte zu Verwandten etc. behalten sollen.
    Das neue Paar sollte trotz der neuen Verpflichtungen ein eigenes Paarleben führen.
    Erst wenn das neue Paar sich einig über die Gründung einer neuen Familie ist, kann dann in der nächsten Phase immer ein Elternteil die eigenen Kinder mit dem neuen Partner bekannt machen. Erst dann sollte sich die ganze neue Patchworkfamilie treffen und Zeit miteinander verbringen.
    Es muss vieles geregelt werden: Wo und mit wem das Kind leben wird und in welcher Form die Verbindung zum anderen Elternteil aufrecht erhalten wird. Ein wichtiges Thema ist dabei ein respektvoller Umgang mit der Namensregelung, die für das Kind eine wesentliche Identitätsbedeutung hat. Emotional besetzt und oft zuwenig beachtet ist der Umgang mit vertrauten Haustieren!
    Den leiblichen Eltern soll es nach den Schwierigkeiten wieder möglich werden auf der Elternebene und auch mit dem neuen Elternteil zu kooperieren und ihrer Liebe und Verantwortung für die Kinder Ausdruck zu geben. Wichtig scheint mir auch Vertrauen zu den neuen Geschwistern und zum neuen Partner aufbauen zu können und damit sehr vorsichtig und sorgsam umzugehen. Erst wenn Kinder Vertrauen haben und Liebe zulassen, werden sie auch die Erziehungsfunktion des hinzukommenden Elternteiles annehmen und mit ihrer Loyalität umgehen können, und im günstigsten Fall die Patchworkfamilie als Ganzes auch als Bereicherung erleben. Gelungen ist die Veränderung dann, wenn alle Beteiligten die eigenen Ziele und das eigene Leben wieder spüren und weiterführen z.B. Alltag, Schule, Hobbys, neue Freunde, Austausch und das Leben in der Patchworkfamilie annehmen und für die eigene Entwicklung nützen lernen.

    Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Kindern keine heile Welt angeboten werden kann, dass aber das Gefühl geliebt zu werden und wichtig zu sein, zu seiner Familie zu gehören, auch wenn sie aus leiblichen und nicht leiblichen Familienmitgliedern besteht, ganz wesentlich für die Identität und Entwicklung ist:
    Wo sich ein Kind wirklich geliebt fühlt, dort gehört es hin!

    Mädchen, 11 Jahre