Startseite

Seminare

Das Team

Know-how

Bild & Ton

Links

Login

Profil Artikel vom 04.06.2000

Profil 23/00: Basic Instincts (Seite 48).

Originaltext des Artikels:

Basic Instincts

FPÖ. Freiheitliche Mandatare werden mithilfe der Psychotechnik NLP gecoacht. Wie sehr kann dadurch die Politik manipuliert werden?

von Adelheid Wölfl

Artikel

"Nur wenn man die Methoden seines politischen Gegners kennt, kann man sie auch bekämpfen", sagt Siegfried Schrittwieser, Landesgeschäftsführer der steirischen Sozialdemokraten.
Vor einigen Wochen hat Schrittwieser seinen Genossen für den bevorstehenden Landtagswahlkampf ein besonderes Training verpasst, ein Seminar zum Thema Neurolinguistisches Programmieren (NLP). Diese Psychotechnik gilt als Teil des Erfolgsrezepts der FPÖ.
NLP-Experten bestätigen, dass die Führungsriege der Freiheitlichen gerne und oft in die Trickkiste dieser Kommunikationstechnik greift, um den politischen Gegner auszuhebeln.
NLP-Trainer Gerhard Puttner glaubt sogar, "dass die Geschichte von Jörg Haider vollständig mit den NLP-Techniken erklärbar ist".

Pacing & Leading

Tatsächlich durchlaufen die meisten blauen Mandatare im Kommunikationstraining des Freiheitlichen Bildungswerks die NLP-Schulungen.
"Über die Arbeit mit dem politischen Nachwuchs können wir auch rhetorische Talente finden", berichtet der Wiener Stadtschulrats-Vizepräsident Herbert Rudolph, der als NLP-Master am Freiheitlichen Bildungswerk unterrichtet hat.
Profipolitiker wie Landesräte und Nationalräte werden vom Freiheitlichen Bildungswerk dazu angehalten, in Einzelcoachings den Umgang mit Medien und politischen Gegnern zu erlernen.
Die Trainer, Coachs und Vortragenden werden unter anderem auch beim Institut für audiovisuelle Lehrmethoden (AVL) engagiert, das zwar prinzipiell Politiker aller Couleurs coacht, der Großteil der Politkundschaft besteht aber aus FPÖ-Politikern.
AVL-Leiter Heribert Sendlhofer hält NLP für eine besonders effektive Methode: "Natürlich bekommt man dadurch mehr Macht. Je besser ich verstanden werde, desto besser kann ich beeinflussen. Aber Manipulation ist eine Frage des Charakters."
Zu den effizientesten NLP-Methoden gehört das "Pacing", was so viel wie "Angleichen" bedeutet.
Da sich Menschen in der Regel zu Ähnlichem hingezogen fühlen, imitieren NLP-Geschulte Tonfall, Rhythmus und Tempo, aber auch Körperhaltung, Mimik und Gestik ihres Gesprächspartners. Dadurch wird ein Gleichklang mit der Zielgruppe ("Rapport") hergestellt.
Gelingt es so, eine Beziehung herzustellen, kann der NLP-Anwender gezielt die Richtung des Gespräches bestimmen ("Leading").

Wie profil-Recherchen ergaben, werden die Spitzen der FPÖ mittlerweile unter anderem von Kommunikationsprofis aus der Schweiz in die hohe Kunst des mentalen Programmierens eingeweiht.
So besuchte Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer vor einiger Zeit das Managementzentrum St. Gallen, um sich coachen zu lassen. In Zukunft will die freiheitliche Führungsriege vermehrt auf Seminare der St. Gallener, wie NLP-Kurse oder Verhandlungstechnik-Trainings zurückgreifen.
Stadtschulrats-Vizepräsident Rudolph, der sich um die Newcomer in der Partei kümmert: "NLP ist aber keine Religion, sondern eine Methode."
Was hinter dem ein wenig sperrigen Begriff "Neurolinguistisches Programmieren" tatsächlich steckt, ob es sich dabei um fragwürdige Psycho-Tricks oder professionelles Kommunikationstraining handelt, ist eine häufig gestellte Frage.
"Neuro" bezieht sich auf die Annahme, dass alle inneren Zustände, von Angst bis Euphorie, auf Nervenreizen und -reaktionen beruhen.
"Linguistisch" verweist darauf, dass sie durch Sprache verändert werden können.
Unter "Programmieren" versteht ein NLP-Trainer die Möglichkeit, eingeschliffene Denkmuster ("Ich kann das nicht", "Ich bin zu dumm, zu ungebildet") schnell und dauerhaft verändern zu können.

Kontrolle des Gehirns

Anfang der siebziger Jahre begannen der Informatiker Richard Bandler und der Linguistikprofessor John Grindler im kalifornischen Santa Cruz die Arbeitsweise der drei Psychotherapeuten Fritz Perls, Virginia Satir und Milton Erickson zu analysieren.
Sie untersuchten jene Kommunikationsmuster, die Menschen helfen, Höchstleistungen zu erzielen.
Bandler und Grindler versprachen "Kontrolle über das, was in Ihrem Gehirn tatsächlich passiert".
Im Geiste des amerikanischen Pragmatismus suchen NLP-Trainer nicht nach den Ursachen des Problems, sondern richten ihre Aufmerksamkeit auf die Veränderungspotenziale. Ziel ist es, die innere Landkarte durch Umdeutung ("Reframing") zu verändern.

Jörg Haider macht das etwa so: "Die ganze Welt fürchtet sich vor mir. Mister Clinton fürchtet sich vor Mister Haider", so der Kärntner Landeshauptmann kokett auf die Kritik des amerikanischen Präsidenten. Dabei hätte sich Clinton doch nur zu fürchten, so Haider, "wenn wir beim Marathon in New York gegeneinander antreten, weil ich da viel schneller bin als er".
Der Wiener NLP-Lehrtrainer und Coach Michael Winter bezeichnet diese Strategie als massives Inhaltsreframing: "Durch die Umdeutung will Haider glauben machen, dass er nicht aus inhaltlichen, sondern aus sportlichen Gründen kritisiert wurde. Gleichzeitig wird dadurch vom Thema abgelenkt."

Fuzzyfunction

Vor etwa sechs Jahren haben die Freiheitlichen begonnen, die Technik verstärkt einzusetzen.
Doch nicht alle NLP-Trainer sind von der Vereinnahmung der hocheffizienten Methode durch die Politik begeistert.
"Wird das Reframing außerhalb von Therapie und Beratung eingesetzt", so Michael Winter, "kommt sofort das Thema Ethik ins Spiel." Winter, der zuletzt Plakatserien der FPÖ nach NLP-Gesichtspunkten analysierte, verweist auf den Zusammenhang zwischen der Augenhaltung des Betrachtenden und inneren Prozessen.
So wurde während der letzten Nationalratswahl ein Plakat mit einer älteren Frau und Jörg Haider affichiert. Haiders Gesicht befand sich im linken oberen Eck des Bildes, jenem Bereich, der beim Betrachtenden Prozesse des visuellen Erinnerns aktiviert.
Winter: "Kann sich eine ältere Frau, die möglicherweise ihren Mann oder Sohn verloren hat, mit der Dame auf dem Plakat identifizieren, dann könnte Jörg Haider sie an die Intimität mit diesem Mann erinnern."

Ein anderer wesentlicher Bestandteil von NLP ist die Hypnose. Winter bezeichnet den FPÖ-Slogan "Sie sind gegen ihn, weil er für Euch ist" als Bilderbuchbeispiel dafür.
Da kein Begriff genau definiert ist ("Fuzzyfunction"), kann ihn jedermann für sich interpretieren.
Das "Euch" postuliert eine Gemeinschaft, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Schließlich wird durch das "weil" ein kausaler Zusammenhang zwischen den beiden Satzteilen hergestellt, der inhaltlich gar nicht existiert.
Winter: "Es ist kein Wort in diesem Slogan, das keine NLP-Technik ist."
Auch der Leiter der Linzer NLP-Schule, Walter Ötsch, kritisiert die Anwendung der Psychotechnik in der Politik. Die FPÖ-Plakate zur Arbeiterkammerwahl mit dem Slogan "SozialistischeÖsterreichBeschmutzer" und "RoteArbeiterkammerPrivilegienBonzen" analysiert er folgendermaßen:
"Hier werden Begriffe verknüpft, die als eigene semantische Felder in jahrelanger Propaganda aufgebaut wurden. Mit dem Begriff Bonze etwa schwingen viele negative Assoziationen mit, die bei der Nennung des Wortes unbewusst mitabgerufen werden."

Paroli bieten

Ötsch versucht abseits von inhaltlichen oder moralischen Kategorien die Kommunikationsprozesse der FPÖ zu analysieren und zu decouvrieren.
Andere NLP-Trainer raten den politischen Mitbewerbern, sich schulen zu lassen, um Paroli bieten zu können. Michael Winter: "Es ist höchste Zeit. Nur so kann Chancengleichheit hergestellt werden."
Der freiheitliche Herbert Rudolph, selbst NLP-Master, glaubt allerdings nicht, dass der Kanzler selbst seines Rates bedarf. "Schüssel hat eine wunderbare Beraterin zu Hause", so Rudolph über die Psychotherapeutin Gigi Schüssel, "die ihn über alle Höhen und Tiefen hinwegbegleitet."
Und Wolfgang Rosam, Eigentümer der PR-Agentur Publico und Berater des Bundeskanzlers, vertraut angesichts des NLP-Hypes auf die freudschen Mechanismen: "Auch nach der besten dialektischen Ausbildung treten irgendwann aus dem tiefsten Inneren die wahren Einstellungen hervor."

Die NLP-Tricks

Einfühlen in die andere Person und die Führung übernehmen.
Wer sich nicht durch die NLP-Techniken von anderen manipulieren lassen will, sollte die Regeln selbst kennen.
Experten empfehlen, mit den gleichen Techniken zu kontern oder durch gezielte Fragen (Woher beziehen Sie diese Information? Wovon ist genau die Rede?) eine Metaposition einzunehmen. Letzter Tipp: decouvrieren. Der Trick verliert seine Wirkung, wenn er offen ausgesprochen wird.

Anchoring-Ankern:
Ein emotionaler Zustand wird ausgewählt und mit einem Stimulus, wie einer Farbe, einem Ton oder einem Wort, verbunden, damit er jederzeit im Gedächtnis wachgerufen werden kann.
Das Gehirn wird auf neue Assoziationsketten programmiert. So kann etwa die Empörung über den belgischen Kinderschänderskandal mit der Empörung über die Kritik der 14 EU-Staaten gekoppelt werden.

Pacing - Angleichen:
Sprache und Körperhaltung werden dem Publikum angeglichen.
Durch die Imitation des Sprachrhythmus, des Tonfalls, der Gestik, der Mimik oder des Tempos stellt sich der Sprechende auf sein Gegenüber ein und gewinnt Vertrauen. In einem Bierzelt wird ein Politiker daher eher den entsprechenden Dialekt verwenden.

Rapport - Gleichklang herstellen:
Durch Pacing wird eine Beziehung zum Gegenüber hergestellt, um Inhalte transportieren zu können - sowohl in der Therapie als auch in der Werbung.
Dadurch kann der Kommunizierende die Richtung des Gespräches beeinflussen.

Hypnotische Sprache:
Wird im NLP gezielt verwendet, um andere Menschen in bestimmte innere Zustände zu führen. Durch kunstvoll vage Begriffe wird der Fokus der Aufmerksamkeit nach innen gelenkt, und die Zuhörer geraten in eine Art Trance. Beispiel: "Er hat euch nicht belogen."

Reframing - Umdeuten:
Eine Aussage erlangt in einem anderen Kontext oder durch eine andere Betonung eine neue Bedeutung. Beispiel: Ein Schüler hat Minderwertigkeitsgefühle, weil er schlechte Noten hat. Der NLP-Trainer weist darauf hin, dass auch Einstein in der Schule schlecht war. Oder: Ein Politiker sagt nach einer schweren Wahlschlappe: "Wir sind stimmenstärkste Partei geworden."